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Start Schutz und Bewachung

Seeadlerschutz rund um die Uhr

Landrover der Projektgruppe
Abb.1: Volker Latendorf beim Aufstellen eines Wohnwagens

Im Januar gehen bei der Projektgruppe Seeadlerschutz die Bewerbungen der freiwilligen Helfer für die Seeadlerbewachung ein. Sobald entschieden ist, in welchen Seeadlerrevieren wir unsere Beobachtungsstationen in diesem Jahr aufbauen, werden die Helfer auf die einzelnen Standorte verteilt. Im Februar werden von mir die Wohnwagen rausgefahren und die Beobachtungsstationen wetterfest und sturmsicher aufgebaut. Ende Februar und Anfang März bezieht dann die „erste Schicht“ an freiwilligen Helfern, die aus dem ganzen Bundesgebiet kommen, die Seeadler-Beobachtungsstationen an insgesamt sieben Standorten. Der Einsatz vor Ort dauert in der Regel von Samstag bis Samstag. Jede Betreuermannschaft erhält von mir ein technische und fachliche Einweisung.

Am 6. April 2004 starte ich um 8.30 Uhr mit einer Routinefahrt zu den Seeadler-Beobachtungsstationen. Auf dem Plan stehen heute vier der insgesamt sieben Standorte. Anschließend will ich noch kurz ins Büro im Forstamt Eutin, um die Post zu erledigen. Da die Zuwegungen zu den Seeadler-Beobachtungsstationen sehr schlecht sind, nehme ich einige Trinkwasserkanister mit. Unsere Helfer, die sich sonst vor Ort selbst versorgen, hatten bei dem regnerischen Wetter und den matschigen Waldwegen Anfahrtsschwierigkeiten mit ihren Pkws gehabt. An der ersten Station im Revier Bothkamp ist alles in Ordnung und die Helfer sind in guter Stimmung. Die beiden sind „alte Hasen" und im Seeadlerschutz sehr erfahren. Sie haben eine erfreuliche Mitteilung für mich, denn sie berichten, dass gestern die jungen Seeadler geschlüpft sind Das ist ein Grund, um darauf anzustoßen - mit Tee natürlich. Da ich als hauptamtlicher Mitarbeiter der Projektgruppe Seeadlerschutz in der Seeadlerbrutsaison etwa 1.000 km pro Woche in Schleswig-Holstein mit dem Dienstwagen unterwegs bin, ist das eine Selbstverständlichkeit. Mitten in unsere kleine Feier platzt ein Anruf hinein: Ein Landwirt aus der Nähe von Oldenburg informiert mich darüber, dass er einen Seeadler unter einer Windkraftanlage aufgegriffen hat. Der Adler ist verletzt, würde aber noch leben und seine Frage lautet: „Wie soll es jetzt weitergehen?“. Ich mache mich sogleich auf den Weg, um den verletzten Seeadler abzuholen. Nach knapp einer Stunde Fahrtzeit biege ich bei ihm auf den Hof ein und nehme den Adler in Empfang. Der Landwirt hat den Vogel in eine Art Teppich eingewickelt. Der Adler wirkt apathisch und hat eine blutige Verletzung am Kopf und rechten Auge. Außerdem steht der Vogel unter Schock. Auf Grund der Farbringe an den Füssen, kann ich die Herkunft und das Alter des Seeadlers bestimmen. Er wurde von der Projektgruppe Seeadlerschutz im Jahr 2002 als Jungvogel am Westensee beringt. Der Seeadler wird in eine groß Transportkiste umgeladen und schon geht die Reise weiter. Ich fahre ihn zur Vogelpflegestation in den Wildpark Eekholt bei Großenaspe.
Die Ankunft des „Patienten" habe ich bereits telefonisch angemeldet.
Gegen 15 Uhr treffe ich dort ein und die medizinische Erstbehandlung wird von einer Tiermedizinerin übernommen.

Schildermontage im Wald
Abb.2: montieren
eines neues Wegesperrschildes

Ich setze meine Tour zu den anderen Beobachtungsstationen fort. Als nächstes besuche ich die Station im Revier Ahrensbök. In dem Gespräch mit den Seeadlerschützern vor Ort und nach Durchsicht der Beobachtungsprotokolle wird schnell deutlich, dass es hier in diesem Jahr keinen Bruterfolg geben wird. Das Verhalten der Seeadler zeigt, dass sich der Verdacht aus der letzten Woche bestätigt: die Seeadler haben ihre Brut aus unbekannten Gründen aufgegeben! Die Beobachtungen der Helfer geben diesmal keinen sicheren Anhaltspunkt auf eine mögliche Ursache. Die beiden Seeadlerschützer bleiben bis Ende der Woche vor Ort und eventuell wird es eine kurzfristig anberaumte Kontrollbesteigung des Horstbaumes geben, die weitere Hinweise erbringen könnte. Dies muss ich mit meinen Kollegen noch abklären.

Gegen 18 Uhr erreiche ich die dritte Beobachtungsstation für heute. Sie liegt in einem Wald am Hemmelsdorfer See. Am Waldrand montiere ich noch schnell ein neues Wegesperrschild, das alte ist verschwunden.

Die beiden Helfer haben seit ihrem Einsatzbeginn bereits zwei kleinere Störungen der brütenden Seeadler durch unbedacht handelnde Mitmenschen verhindern können und zudem eine massive Störung durch einen Hubschrauberüberflug „in Wipfelhöhe“ protokolliert. Der Hubschrauberüberflug muss von der Projektgruppe weiter verfolgt werden. Ich notiere die Angaben der Helfer, um mögliche Schritte durch die Projektgruppe in die Wege zu leiten. Die vierte Station bleibt für heute „auf der Strecke“, ebenso wie der Bürotermin, aber morgen ist ja auch noch ein Tag...

Ach ja, der verletzte Seeadler musste ins Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin eingeliefert werden. Die Kopf- und Augenverletzung erwiesen sich letztendlich als schwerwiegend und irreparabel, so dass der Vogel von einer Tierärztin eingeschläfert werden musste. Aber zum Glück sind unsere Anstrengungen zur Rettung von verletzten Seeadlern in der Regel von Erfolg gekrönt. Wenn ich dann sehe, wie ein ehemals kranker oder verletzter Seeadler wieder ausgewildert wird, freue ich mich, denn dann hat sich der Aufwand und mein Arbeitseinsatz auf jeden Fall gelohnt.

Volker Latendorf

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